sandraGLONING
Krieg gegen eine Fremde

 

„Der Rock ist super cool!”, erklärt meine beste Freundin neben mir und guckt dem Mädchen in dem gelb-grünen Mini-Teil nach, das direkt an uns vorbei marschiert. Der Ton in dem Emma das sagt lässt mich aufhorchen und ich weiß dass jetzt Vorsicht geboten ist. „Naja, ich weiß nicht…“, murmle ich und betrachte den Boden zu meinen Füßen. Wenn ich ehrlich bin finde ich den Rock scheußlich! Doch in letzter Zeit versucht Emma Recht zu haben. Und zwar mit allem was sie sagt.
„Doch, doch, du hast keine Ahnung! Du solltest dir so einen Rock kaufen!“, erklärt sie und ich verziehe das Gesicht. „Naja, ich weiß nicht…“, erkläre ich, doch Emma unterbricht mich sofort: „Gleich morgen gehen wir und kaufen dir genau diesen Rock! Um zwei holst du mich ab“, bestimmt sie und verschränkt die Hände vor der Brust. Ich schließe die Augen einen Moment um die Wut zu unterdrücken, die in mir aufsteigt und atme tief durch.
Seit wir die Schule gewechselt haben, versucht meine eigentlich beste Freundin mich mit allem was sie macht auszustechen und zu übertreffen. Sie will Recht haben. die Klügere sein, die meisten Freunde haben…
Als ich die Augen wieder öffne bemerke ich,  dass sie mich von der Seite beobachtet. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, erkundigt sie sich zickig und rollt genervt mit den Augen. Zuerst will ich einfach „Nichts“ murmeln, doch dann entscheide ich mich, endlich mal wieder zu sagen was ich denke. So wie ich es früher bei ihr immer konnte.
Früher.
Früher, als sie noch anders war.
„Ich finde den Rock scheußlich!“, erkläre ich und schiebe trotzig das Kinn vor. Ich bin darauf vorbereitet dass Emma mir irgendwas an den Kopf wirft, dass ich keinen Geschmack habe, von mir auch dass ich dumm bin.
Dumm.
Ich.
Ja, ich bin so dumm, dass ich heuer mit dem besten Zeugnis, das ich je hatte, abschließen werde. So dumm, dass ich dieses Jahr den Titel der Jahrgangsbesten bekommen werde. All die Zeit in der Emma immer weniger sie selbst war, hab ich kaum was anderes gemacht als lernen, um mich abzulenken.
Abzulenken davon, dass ich die Person die Tag für Tag in der Schule neben mir sitzt nicht mehr kenne.
Doch auch wenn ich auf Proteste vorbereitet bin, bin ich doch etwas erschrocken als sie aufspringt und sich mir gegenüber stellt. Die Hände stemmt sie kampflustig in die Seite und funkelt mich von oben böse an. „Was hast du gesagt?!“, erkundigt sie sich und mir ist im ersten Moment gar nicht klar, dass das wohl eine Kampfansage ist.
 „Sag mal, was ist eigentlich dein Problem, verdammt noch mal!? Du widersprichst mir immer und überall. Du bist ja so verdammt störrisch. Glaubst wohl du bist wegen deiner paar Einsen die Klügste der Welt, was?!“, Emmas Stimme wird eine Oktav höher, als sie beginnt mich anzuschreien und ich ziehe hilflos den Kopf ein. „Weißt du was, du hast dich so entsetzlich verändert. Du bist langweilig und total verklemmt!“, alle die ebenfalls auf den Bus warten, beginnen zu uns herüberzusehen.
Vollkommen benommen gucke ich sie an und schüttle den Kopf.
Ich bin es gewöhnt, dass sie grundlos nicht mehr mit mir redet.
Ich bin es gewohnt, dass sie mich beleidigt.
Aber ich bin ich es nicht gewöhnt, dass sie mich anschreit.
„Was?“, erkundige ich mich fassungslos und werde immer kleiner auf der schmalen Steinbank auf der wir gerade noch gemeinsam gesessen haben. „Du hast mich schon verstanden! Ach, tu nicht so. Du glaubst es doch selbst, all das was ich gerade gesagt habe. Du weißt doch selbst, dass es stimmt!“ Ich sage nichts und gucke Emma nur an, traurig und ein bisschen hilflos, fast wie eine Maus die von der Katze in die Ecke gedrängt wurde.
Das Mädchen mir gegenüber, das mich so böse anfunkelt, ist mir fremd.
Diese Kälte in ihren Augen.
Dieses trotzige Gesicht.
Mein Magen rebelliert und mit einem Mal bemerke ich, dass das jetzt kein Gespräch mehr ist.
Keine kleine Stichelei, über die ich einfach hinwegsehe und wegen der ich mich am Abend in den Schlaf weine.
Das hier ist Krieg.
Mein Kopf ist seltsam schwer und ich will eigentlich nur noch weglaufen.
Weg von diesen fremden Menschen, von denen die Allerfremdeste mir direkt gegenüber steht.
„Weißt du was?! Ich werde mich von meinen Eltern wegen dir nie wieder unter Druck setzen lassen. Ich werde nie wieder wegen dir zu hören bekommen ich solle härter arbeiten. Ich werde nie, nie wieder von einem Lehrer ermahnt werden, wegen etwas das nicht ich sondern du gemacht hast. Ich werde nie wieder….“, sie beendet den Satz nicht, den sie mir gerade entgegen geschrieen hat, sondern guckt sich nur wütend um.
Ich sehe Emma eine Zeit lang stumm an.
Keiner von uns sagt ein Wort.
Wer ist dieses Mädchen?
Langsam, ganz langsam stehe ich auf und muss mich ein bisschen auf die Zehenspitzen stellen um ihr in die Augen sehen zu können. Ich gucke, versuche ganz tief in sie hinein zu gucken, doch da ist nichts.
Absolut nichts.
„Du warst mal anders…“, flüstere ich so leise, dass nur ich und sie meine Worte verstehen können. Sie blinzelt mich verwundert an, dreht sich dann um und beginnt zu rennen. „Du kannst mich mal!“, schreit sie und springt in den Bus der gerade vorfährt und der in eine ganz andere Richtung fährt als in die wir eigentlich wollten. „Emma, das ist der falsche B…“, ich versuche ihr noch nachzuschreien, dass sie in den falschen Bus steigt, dass wir vielleicht reden sollten, doch da schließt sich die Tür bereits hinter ihr.

 

Betäubt und vollkommen fassungslos lasse ich mich wieder auf die Bank sinken und merke wie mir die Tränen in die Augen steigen und eine Einzelne sich ihren Weg meine Wange hinunter bahnt. Ich schluchze unglücklich. Wir haben den Krieg verloren.
Immer wieder hab ich mir Szenen vorgestellt, in der es endlich mal richtig kracht. Fast gewünscht hab ich sie mir. Doch bei dem Stück das ich in meinem Kopf hatte, hatte der Akt ein anderes Ende. Ein Schönes. Ein Glückliches. Eines bei dem die beiden Schauspieler sich glücklich in die Arme fallen.
Eine Zweite, eine Dritte, viele Tränen füllen meine Augen und ich wehre mich so gut ich kann dagegen zu weinen. Nicht deswegen. Nicht wegen ihr. Nicht heute. Die Tränen lassen sich nicht stoppen und ich schließe die Augen um ihnen wenigstens den Weg zu versperren.
Bis 10 zähle ich, dann werde ich aufhören zu heulen.
Eins. Immer wieder taucht das Bild dieses fremden Mädchens auf.
Zwei.
Drei.
Zehn.
Elf. Die Tränen drücken immer noch gegen meine Lider, wollen freigelassen werden.
Zwölf. Eine fremde Hand drückt vorsichtig meinen rechten Arm und streichelt zärtlich darüber. „Alles wird gut“, erklärt sie und ich spüre ihren Atem an meiner Wange.
Dreizehn.
Vierzehn. Vorsichtig legt jemand links von mir seinen Kopf auf meine Schulter und platziert seine Hand auf meinen Oberschenkel. „Mach dir keine Sorgen. Sie kommt zurück!“, murmelt es neben mir. Sie geht in meine Klasse, glaube ich.
Fünfzehn. Langsam öffne ich die Augen und sehe in zwei blaue Augen, rechts von mir, und Braune links. „Sie ist eine dumme Nuss“, murmelt Blau und nimmt langsam meine Hand. „Du wirst ihr früher fehlen als sie geglaubt hat“, erklärt Braun. Ich starre weiter vor mich hin, nicht imstande die schmerzhaften Gefühle, die ich habe, zu verbergen. „Es war richtig dass du dich endlich gewehrt hast!“, erklärt es Rechts und Links fügt hinzu: „Das hättest du schon früher machen sollen!“ – „Es hat schon länger nicht mehr funktioniert, oder?“ – „Ich hatte auch das Gefühl, in der Klasse haben sie kaum miteinander geredet.“ – „Es war vorherzusehen. Sie ist aber auch so eine blöde Kuh!“, wieder tropfen vereinzelte Tränen auf meinen Schoß, während Links und Rechts, Braun und Blau sich immer noch über meine Freundschaft unterhalten.
Meine ehemalige Freundschaft.
Ich schluchze leise, was die Beiden veranlasst sich wieder mal mir zuzuwenden.
„Tut mir Leid, Liebes“, beteuert Braun und drückt mich etwas fester an sich. „Sorry, Kleine!“, murmelt Blau und hält meine Hand einen Tick fester.
Ich sage gar nichts, schüttle nur den Kopf und schniefe. Ein Bus fährt vor, doch ich bin mir nicht sicher ob es unserer ist. Der Junge mit den blauen Augen rechts von mir steht auf, zieht mich vorsichtig in die Höhe. „Komm, wir fahren jetzt erstmal zu mir nach Hause!“, erklärt er und führt mich am Arm zum Bus. Meine Klassenkameradin nickt und ich überlege ob in dieses „Wir“ wohl auch ich einbezogen bin. „Und dann machen wir dir eine schöne warme Suppe und einen Tee“, beschließt Links und wir steigen zu dritt, Stefan an meinem rechten Arm, Verena an meinem Linken, in den Bus.
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