sandraGLONING

Venedig 

Genüsslich schloss ich die Augen und ließ mir die salzige Meerluft ins Gesicht wehen. Der Regen tropfte nicht, nein er peitschte auf mich herab und hatte die meisten Touristen bereits vertrieben. Venedig war seit langem ein einziger Menschensammelplatz, doch bei dem schlechten Wetter hatte man sogar an den sonst so überfüllten Plätzen seine Privatsphäre. Ich streckte mein Gesicht dem Wind und dem Regen entgegen und breitete meine Arme aus. Direkt auf dem Randstein vor dem Meer stehend, den Markusplatz im Nacken und über mir den geflügelten Löwen, der alles bewachte, öffnete ich die Augen und schrie gegen den Wind, aufs Meer hinaus. Mein weißes T-Shirt war inzwischen vollkommen durchweicht und mein BH wurde langsam sichtbar. Vielleicht sollte man doch keinen schwarzen BH unter weißen T-Shirts tragen….
Ich lächelte bei dem Gedanken, schloss die Augen und sah meine ganzen Ferien noch einmal vor meinem inneren Auge vorbeiziehen, die ganze schöne Zeit die ich hier verbracht hatte. Heute sollte der letzte Tag sein und ich konnte noch wollte es richtig glauben.
Ich fühlte mich zurückversetzt an den Tag an dem meine beste Freundin mir verkündet hatte sie würde nicht mitkommen in die Stadt meiner Träume. Es war vor sechs Wochen als sie mich aus dem Krankenhaus anrief und versuchte mir zu verklickern, dass sie sich eine Rippe gebrochen hatte. Aber nicht etwa beim Sport oder als sie sich, um das Leben eines Anderen zu retten, vor ein Auto warf. Nicht dass sie das je gemacht hätte. Nein, Silvie hatte mit ihrem Freund auf dem Bett rumgeknutscht, war, tollpatschig wie sie war, aus dem Bett gefallen und hatte sich bei der Landung diese bedeutungsschwere Rippe gebrochen. Man könnte sagen ich war sauer, naja, viel besser würde wohl der Ausdruck stinkwütend meine Gefühlslage treffen. Aber ich konnte absolut nichts tun.
Fast ein Jahr hatte ich auf diese Reise gespart, in die Stadt die ich schon liebte bevor ich überhaupt nur einen Fuß in sie gesetzt hatte. Eine Stadt die ich nur aus Büchern, Reiseberichten und von Fotos kannte und die mich bereits als kleines Kind vollkommen verzaubert hatte. Seit meinem 5. Lebensjahr träumte ich davon einmal dorthin zu reisen, wo die Zeit stehen geblieben scheint, wo alles Erklärbare einfach nur dem Zauber dieser Stadt weicht und wo alles so ist wie es sein sollte. Es ist genau der Ort den ich mir oft gewünscht habe, an dem ich durch die Gassen spazieren kann und die Hektik und den Stress die mich das ganze Schuljahr über nicht losgelassen haben, einfach vergessen kann, an dem ich in den Sonnenuntergang sehe, der die ganze enge Gasse in der ich mich gerade befinde in ein Oranges Licht taucht, und genau weiß: Diese Stadt hat mich gesucht.
Und sie hat mich gefunden.
Immer noch peitschte mir der Regen ins Gesicht und ich öffnete mit einer schnellen Handbewegung meine Haare, die der Wind mir jetzt aus dem Gesicht blies, bevor ich mich wieder ganz den Erinnerungen an diese schöne Zeit hingab.
Als ich mit dem Zug in Venedig eingefahren bin, hab ich es sofort gespürt, die Magie, die Wärme. Für mich war es als wäre ich endlich heimgekehrt und ich hatte den ganzen Monat den ich hier war kein einziges Mal auch nur ein Bisschen Heimweh.
Wie auch, wenn einem sein Herz sagt dass man zu hause ist?
Als ich so darüber nachdachte, wurde mir bewusst dass ich nicht mal genau sagen könnte was ich am Meisten an dieser Stadt liebte.
Es waren die Menschen, die so herzlich sind und so viel Zeit für alles haben. Nie habe ich nur einen hier sagen gehört er wäre im Stress, müsse noch viel erledigen.
Es waren die kleinen engen Gassen, in denen ich mich in einer anderen Stadt nachts bestimmt gefürchtet hätte, aber die hier so eine Ruhe, so eine Sicherheit ausstrahlten, als wollten sie sagen: „Keine Angst, wir sind hier um auf dich Acht zu geben.“
Es waren die kleinen Brücken, die Freiheit verkündeten.
Und es waren die Tauben, die das alles so wunderbar ergänzten.
Es waren die Wäscheleinen die zwischen zwei Häusern gespannt waren und die dem ganzen so einen familiären Touch gaben.
Es war die Sprache, die sich in meinen Ohren anhörte wie ein einziges Gedicht, das sich immer und immer wieder zu neuen Strophen zusammensetzte und in der ich mich ein bisschen zu reimen verstand.
Es waren die vielen Kirchen und Kapellen.
Es waren die geflügelten Löwen, die über ihre Stadt wachten und die das Magische mit sich brachten. Sie waren die Herrscher und doch nur die Knechte, sie waren ebenso Bewohner wie Könige.
Es war die Magie die die Stadt umgab und mich so wahnsinnig glücklich stimmte.
Vor allem aber war es das Gefühl der Zugehörigkeit. Ich war immer auf der Suche, nach meiner wirklichen Heimat, nach mir selbst, nach den richtigen wahren Freunden, nach Liebe, Geborgenheit. Es fühlt sich an, als hätte ich bereits lange, sehr lange gewusst dass ich all das hier finden würde. Ich hatte nicht nur eine Lieblingsstadt in diesem Monat gefunden, ich hatte endlich mich selbst entdeckt!
Langsam öffnete ich wieder die Augen und sah zu dem dunklen Himmel hinauf, aus dem der Regen auf mich nieder peitschte und der mir den Wind ins Gesicht blies. Meine Haare flatterten hinter mir im Wind und ich fühlte mich so unendlich frei. In einer Stunde würde mein Zug gehen. Ich blinzelte und holte dann tief Luft. Noch ein letztes Mal atmete ich die salzige Meerluft ein, roch den leichten Fischgeruch in der Luft, spürte das sanfte Kribbeln in meinem  Magen. Und dann schrie ich all das gegen den Wind aufs Meer hinaus, spürte wie mein Schrei mitgetragen wurde, in die Welt hinaus, und ich brüllte immer weiter bis ich mich schließlich umdrehte und langsam über den Markusplatz wieder in die Stadt hinein wanderte, ein seliges Lächeln auf den Lippen. 

 

 

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