sandraGLONING

Erschöpft lasse ich mich auf einen Barhocker sinken und seufze. Ein Samstagabend wie jede Woche. Die meisten meiner Freundinnen sind bereits zu Hause, nicht weil es schon so spät wäre, sondern eher weil sie bereits zu betrunken sind. Die Diskolichter flackern und ich schließe für einen Moment die Augen. Trotzdem flackern die Lichter vor meinen Augen weiter. Meine beste Freundin tanzt sich auf der Tanzfläche an einen Typen ran, den ich noch nie gesehen habe, und brüllt etwas in seine Richtung. Ein erneutes Seufzen kommt über meine Lippen, als ich daran denke, dass ich morgen schon sehr früh aus dem Bett muss.
„Darf ich dir was zu trinken anbieten?“, erkundigt sich plötzlich der Junge auf dem Barhocker neben mir. Ich drehe mich erstaunt zu ihm um und nicke, als ich aus dem Augenwinkel sehe, dass Susi mit dem Typen nach draußen verschwindet und mir andeutet auf sie zu warten. Der fremde Junge grinst mich an und rückt ein kleines Stückchen näher. „Ich bin Tom!“, brüllt er mir über die Musik hinweg zu, und gibt mir ein Küsschen links und rechts. „Marie“, schreie ich zurück und lächle ihn an. Er bestellt beim Barkeeper zwei Getränke und reicht mir eines davon. Dankbar nicke ich ihm zu. Wir stoßen an, und dann nimmt er einen kräftigen Schluck. Ach, so einer ist er. Ich grinse bei dem Gedanken. Inzwischen bin ich bereits so weit, dass ich die verschiedenen Typen beim Fortgehen ziemlich schnell erkenne. Tom ist einer von denen, die schnell viel trinken und deren Ziel es ist möglichst viele Mädchen anzubaggern oder, wenn das nicht klappt, wenigstens so schnell wie möglich betrunken zu sein. „Bist du allein hier?“, will er wissen und stellt sein leeres Glas vor sich hin. Ich schüttle den Kopf und nehme auch einen Schluck von meinem Drink. „Ich bin mit meiner besten Freundin hergekommen und hab mich mit ein paar Freunden getroffen…“ Er nickt, und ich schreibe ihm schon mal ein paar Gutpunkte zu, da er mich wenigstens nicht mit einem der Standartsprüche angebaggert hat:
„Hat es wehgetan als du vom Himmel gefallen bist?“, darauf verdrehe ich gewöhnlich die Augen.
„Deine Augen leuchten heller als die Sterne, die ich dir sofort vom Himmel holen würde…“ Fällt ihnen nichts Besseres ein?
„Zu dir oder zu mir?“, mein Favorit, bei dem ich mich jedes Mal beherrschen muss meinem Gegenüber keine zu knallen. Sehe ich etwa aus wie eine von denen, die auf so was auch noch antworten?
„Und du?“, hole ich mich aus Gedanken und wende mich wieder meinem Gegenüber zu, der eine Hand auf meinen Oberschenkel gelegt hat. Ich werfe mit der Hand die Haare zurück und mustere ihn. So schlecht sieht er nicht aus. Trotzdem wirkt er betrunkener zu sein, als ich im ersten Moment dachte. Die Musik wechselt, und schon nachdem die ersten Takte gespielt wurden ist die Tanzfläche bis zum Bersten gefüllt. Ich grinse Tom an und trinke mein Glas aus. Erstaunt guckt er mich an, als ich von meinem Barhocker rutsche und ihn bei der Hand packe. Wenn er nicht tanzt, ist er schon unten durch! Tom grinst, als er kapiert und folgt mir artig auf die Tanzfläche. Das Licht flackert und die Musik geht mir augenblicklich ins Blut. Sofort beginne ich mich zu bewegen, kreise meine Hüften, lasse die Arme durch die Luft wedeln und singe den Text mit. Natürlich kenn ich ihn. Etwas ungeschickt hampelt Tom vor mir herum und startet immer wieder Versuche seine Hände auf meinem Hintern oder meinen Brüsten abzuladen, doch ich schiebe sie bestimmt weg und grinse neckisch. Für ihn ist das Alles ein Spiel, doch ich bin nicht auf der Suche nach einem schnellen Flirt. Aber das verstehen die wenigstens Jungs. Langsam gleite ich zum Boden hinunter, und schnelle dann beim Refrain wieder in die Höhe. Ein paar Jungs aus der Umgebung sind bereits auf meinen Tanzstil aufmerksam geworden und starren unverhohlen zu uns herüber. Ein Lachen entschlüpft meiner Kehle, als ich Tom angucke, der etwas ungläubig guckt, als ich meinen Körper noch rhythmischer bewege und mir mit einer fließenden Bewegung meine Stirnfransen wieder aus dem Gesicht schiebe. Er hüpft von einem Bein auf das Andere und sieht aus als fühle er sich nicht wirklich wohl. Und trotzdem ist die Tanzfläche der einzige Grund, warum ich das Weggehen nicht schon längst aufgegeben habe. Eigentlich ist es nämlich doch immer wieder das Selbe: die Jungs sind schnell betrunken und aufdringlich, meine Freundinnen hauen mit anderen Typen ab und ich bin nicht wirklich der Typ Frau, der sich unbedingt betrinken muss, um Spaß zu haben, also ist das Tanzen meine einzige Leidenschaft. Als kleines Kind hatte ich Ballettunterricht, dann tanzte ich in einer Jazzdancegruppe und jetzt hier auf der Tanzfläche.
Tom guckt mich weiter an und plötzlich fällt mir auf, dass er etwas grün im Gesicht ist. Bisher habe ich das auf das Licht geschoben, doch inzwischen mache ich mir ein wenig Sorgen um ihn. Das Lied geht in seinen letzten Refrain und ich gebe mich noch mal ein paar Takte der Musik hin, vollführe eine kunstvolle Drehung (aus meinen Ballettzeiten) und als ich mich wieder Tom zuwende, sehe ich gerade noch wie er würgt und sich, Gott sei Dank, aus meiner Richtung dreht um sich zu übergeben. Ich seufze und verdrehe die Augen, doch im nächsten Moment bin ich neben ihm und nehme ihn sachte am Arm. Bestimmt ziehe ich ihn durch die Menge, bis wir vor den Toiletten zum Stehen kommen. Er sieht elend aus, und obwohl ich ihn nicht kenne habe ich Mitleid mit ihm.
Einen Moment überlege ich, dann stoße ich die Tür zum Männerklo auf und schiebe Tom wie ein Schutzschild vor mir her. „Ich will nicht gucken, und ich tu auch keinem was, ich will nur meinem Freund helfen!“, rufe ich grinsend in die Menge Jungs hinein, die dort herumstehen und mich ungläubig anstarren. Ein einziges Mal nur dreht sich mein Begleiter zu mir um und sieht mich erstaunt an, fast so als sähe er mich zum ersten Mal richtig, doch ich schiebe ihn weiter in eine leere Kabine hinein, in der er sich sofort wieder übergibt. Im Vorbeihuschen habe ich mir ein paar Papiertücher vom Waschbecken geschnappt und drücke ihm die jetzt in die Hand, damit er sich den Mund abwischt. Dankbar lächelt Tom mich zwischen zwei Brechreizen an, während ich ihm beruhigend über den Rücken streichle. Nach wenigen Minuten lässt er sich erschöpft auf den Klodeckel sinken und stützte den Kopf in die Hände. „Ich hasse das!“, flüstert er und ich überlege einen Moment, ob ich mich jetzt nicht einfach verdrücken soll, doch er sieht so hilflos aus, dass ich es nicht übers Herz bringe. Wie so oft… „Besser?“, will ich wissen und lächle ihn an. Tom wirft mir einen Blick zu, als hätte er ganz vergessen, dass ich auch noch da war. Nachdem er ein wenig überlegt hat, nickt er zögernd. „Ich hol dir schnell ein Glas Wasser“, biete ich an und streiche ihm über die Haare, als ich die Kabine verlasse. „Keine Panik, ich gucke nicht, ich will hier nur durch und einem Freund ein Glas Wasser holen!“, verkünde ich lautstark der Menge, die mich wieder ungläubig anstarrt, als ich aus der Kabine komme. Grinsend hebe ich die Arme, und verschwinde aus der Tür.
„Okay, jetzt zum Dritten Mal, kein Grund zur Panik, ich gucke nicht! Versprochen!“, verkünde ich zum dritten Mal, als ich mit einem Glas Wasser und ein paar Servietten wieder ins feindliche Gebiet eindringe. Auch dieses Mal mustern mich alle männlichen Wesen aber wieder mit entsetzten Gesichtern. Mit einem kurzen Klopfen gebe ich Tom an der Kabine zu verstehen, dass ich es bin, und er schließt mit erschöpftem Gesicht auf. Als ich seinen Gesichtsausdruck sehe muss ich grinsen und schiebe mich zu ihm in die Kabine. „Hier“, ich halte ihm das kühle Wasserglas hin, das er in einem Zug hinunterstürzt. Wieder lässt er sich auf den Klodeckel sinken und ich lehne mich ihm gegenüber an die Wand. „Danke“, murmelt er und betrachtet peinlich berührt seine Schuhe. „Das hätten nicht viele Mädchen getan…“ – „Ja, ich glaube da hast du Recht.“ Wir lächeln uns an und ich streiche mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Weißt du, du bist anders als alle Anderen…“ Wieder nicke ich und kann mir ein kleines Lachen nicht verkneifen. Vielleicht passe ich deshalb hier nirgends rein. Vielleicht macht mir das Weggehen deshalb nur selten so richtig viel Spaß. „Warum hast du das gemacht?“, erkundigt er sich schließlich und beobachtet mich, während er den Kopf an die Seitenwand lehnt. „Hmm, vielleicht weil ich mir wünschen würde, dass mir irgendjemand helfen würde, wenn ich mal irgendwo unterm Tisch liege und kotze“, überlege ich und grinse. „Ich würde mich zu dir unter den Tisch legen.“ Wir lachen beide kurz und in dem Moment spüre ich ein Vibrieren in meiner Hosentasche. Ich brauche nicht nachzusehen um zu wischen, dass es Susi ist, die jetzt endlich nach Hause will. „Ich muss los“, verabschiede ich mich und drücke die Kabinentür auf. Tom hält mich kurz am Arm fest. „Ich würde dich gern anrufen. Morgen oder so.“ Er überlegt einen Moment und fügt dann hinzu: „Wenn ich mich erinnere….“ – „Glaub mir, das tut ihr nie!“, murmle ich mit einem traurigen Grinsen und verschwinde durch die Tür.

 

 

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