sandraGLONING

„Alles, alles Gute zum Geburtstag!“, ich falle Markus um den Hals, sobald er die Tür öffnet und drücke ihm einen Kuss auf den Mund. Er hält mich fest und sieht  mir tief in die Augen. In seinen Mundwinkeln hängt ein Lächeln, als ich ihm die riesige Schokoladen-Torte überreiche, an der ich den gesamten Morgen gebacken habe.  „Das sieht ja köstlich aus!“, mein Freund leckt sich mit der Zunge über die Lippen und lässt mich ins Haus. Die ersten Vorbereitungen für die Party am Abend sind bereits getroffen, doch es ist noch viel zu tun. „Probieren wir gleich ein Stück?“, will Markus wissen als ich ihm in die Küche folge und er den Kuchen vorsichtig auf der Arbeitsfläche platziert. Mein Gesicht läuft rot an und ich murmle ein unsicheres: „Lieber später…“
Er bemerkt meinen plötzlichen Stimmungsumschwung nicht und legt seine Hände zärtlich an meine Hüfte. Erstaunt sieht er auf und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Hast du abgenommen?“ Ich weiche seinem Blick aus und nicke, schüttle dann aber den Kopf. „Keine Ahnung, kann sein, wenn, dann nicht absichtlich“, druckse ich und winde mich unsicher aus seiner Umarmung. „Gefällt mir, gefällt mir wirklich. Du siehst toll aus heute!“
Glücklich lächle ich über das Kompliment und klatsche in die Hände. „Lass uns keine Zeit verlieren. Was soll ich tun?!“ Markus umarmt mich noch einmal stürmisch, küsst meinen Hals und fährt mit seinen Händen meinen Rücken auf und ab, so überwältigt ist er von mir, seiner neuen Freundin. Als er mich schließlich hitzig loslässt, ist mein Haar wirr, und meine Backen rot.
„Brötchen?“, erkundige ich mich und als er nickt, beginne ich glücklich pfeifend Brot aufzuschneiden.

„Bist du Markus’ neue Flamme?“, ein Freund von Markus hält mir ein Glas hin und lächelt mich freundlich an. Seine Augen sind rot und er wirkt als hätte er schon zu viel getrunken. Ich nicke, und streiche mir unsicher eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Markus habe ich schon seit einiger Zeit in dem Partygetümmel nicht mehr gesichtet. „Er hat ja gesagt, dass du ziemlich heiß bist, aber naja, ich hab mir dich irgendwie anders vorgestellt…“, er wankt und ich packe ihn mit einer Hand am Arm, damit er nicht umkippt. „Willst du dich setzen?“, erkundige ich mich und schiebe ihn vorsichtig zu der großen Couch in der Mitte des Partyraumes. Der Junge nickt, und fährt dann kichernd fort: „Irgendwie dachte ich du wärst dünner!“
Das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich sehe ihn an, und bleibe erschrocken stehen. Ohne ihn eines Blickes zu würdigen lasse ich seinen Arm los, drehe mich um und wühle mich durch die Menge.
In der Küche lehne ich mich an die Arbeitsfläche und schließe einen Moment die Augen. Ich wusste, dass das Stück Kuchen dass ich heute gegessen habe, nicht gut für meine Figur war. Und die Brötchen auch nicht.
Beunruhigt befühle ich meinen Bauch, betrachte ihn kritisch von oben und merke wie langsam Panik in mir aufsteigt. Mein Gesicht spiegelt sich in der Fensterscheibe mir gegenüber, durch die der Mond scheint und einen weißen Schatten auf mein Gesicht wirft. Heute ist Vollmond. Als ich meine dicken Bäckchen betrachte steigen mir ungewollt die Tränen in die Augen. Mondgesicht, ich habe ein dickes, rundes Mondgesicht. Nervös fahre ich mir mit den Fingern durch die Haare und schiebe mich durch eine Tür aus der Küche, in einen leeren, dunklen Gang, weiter zur Toilette.

„Mann, mach schneller, ich muss dringend aufs Klo!“, seit zwei Minuten trommelt jemand gegen die Tür. Ich spüle mir noch mal den Mund aus, und ziehe meine Lippen nach. Schnell pudere ich mein Gesicht, damit die roten Schlieren unter den Augen verschwinden. Markus klopft wieder. Nach einem letzen prüfenden Blick in den Spiegel, schließe ich die Tür auf und verziehe mein Gesicht zu einem herzlichen Lächeln. „Schatz! Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat. Du weißt schon, Frauenprobleme!“, mein Freund drückt mir im Vorbeihuschen einen Kuss auf die Lippen, und verschwindet dann von einem Bein aufs andere steigend im Bad. „Wartest du auf mich?“, will er von innen wissen. „Natürlich!“, meine Stimme klingt heiter, während eine einzelne Träne meine Wange hinunterläuft.

„Simon, das ist Mandy, Mandy, Simon...“, ich gebe Simon lächelnd die Hand, die andere hält Markus fest in seiner. Es ist bereits weit nach Mitternacht. Im Partykeller ist es leise geworden, viele knutschen auf dem Boden oder auf dem Sofa rum, einige tanzen zu leiser Musik. Die meisten sind bereits nach Hause verschwunden. Fast alle Freunde von Markus waren da, er hat einen riesigen Freundeskreis und ich bin gar nicht dazu gekommen alle kennen zu lernen.
„Freut mich, Schöne“, Simon kichert dümmlich und zieht sich seine Jacke über. Er wollte gerade gehen. Markus umarmt ihn freundschaftlich und dann ist er auch schon durch die Tür verschwunden.
Mit großen Augen sieht er mich an und fährt vorsichtig mit seinen Fingern meine Lippen nach. Ich lächle ihm zu und schlinge meine Arme um seinen Hals. „Was haltest du davon, wenn ich jetzt meine letzen Gäste nach hause schicke und dann…“, er lässt den Satz offen und zieht fragend eine Augenbraue nach oben. Ich liebe diese Geste. Zärtlich nehme ich seine Hand und küsse sie, Finger für Finger, Gelenk für Gelenk.
Nachdem er seinen letzten Gästen eine gute Nacht gewünscht hat, nimmt er meine Hand, und hindert mich daran, sofort mit dem Aufräumen zu beginnen. „Es ist spät…“, murmelt er, betätigt den Lichtschalter und führt mich vorsichtig im Dunklen nach oben in sein Zimmer.

Mit einem Schlag bin ich hellwach und sehe mich um, bemerke Markus neben mir liegen. Der Mond scheint mir durchs Fenster auf mein Gesicht. Die Worte kreisen nur so in meinem Kopf und ich schaffe es nicht sie auszublenden.
Abgenommen? Gefällt mir!, stellt Markus zum Hundertsten Mal fest.
Dünner vorgestellt, lacht der Junge heute Abend.
Mondgesicht, meine Turnlehrerin mustert mich.
Fette Kuh, schreien 10-jährige Kinder mir nach.
Vorsichtig um meinen Freund nicht zu wecken setze ich mich im Bett auf, ziehe mein Nachthemd enger um meinen Körper und schlage die Füße ein.
Eine Zeit lang starre ich vor mich hin, dann tapse ich barfuss ins Bad.

„Geht’s dir nicht gut?“, erkundigt sich Markus erschrocken, als er das Licht anmacht und mich neben der Toilette sitzen sieht. Ich sehe ihn an, mustere ihn in seiner Boxershort und sehe ihm dabei zu, wie er sich unschlüssig über die Bartstoppeln an seinem Kinn fährt. „Ist dir schlecht?“, fragt er noch mal nach, als ich keine Antwort gebe. Kraftlos schüttle ich den Kopf und schaue ihn aus meinen dunklen Augen flehend an. Bitte versteh doch…
Natürlich versteht er nichts, sondern lässt sich auf den Badewannenrand neben mich sinken. „Aber du hast doch gestern kaum was getrunken, oder?“, will er wissen. Ich schüttle den Kopf und Krokodilstränen laufen mein Gesicht hinunter. „Mandy, was ist denn los?“, erschöpft schluchze ich auf und werfe dann einen viel sagenden Blick auf meinen Körper. Markus folgt meinem Blick und zuckt die Schultern. Ich suche verzweifelt nach Worten, doch da sind keine, die irgendetwas erklären könnten.
Mit meinen Augen flehe ich ihn an, endlich zu verstehen was ich will. Ich will nichts erklären. Kann ich nicht.
Schließlich scheint er endlich zu kapieren, seine Augen werden groß, seine Hände spielen nervös mit einem Handtuch. „Bist du… Hast du…?“, ich nicke, und beiße mir auf die Lippen. „Aber wieso?“ Jetzt muss ich was sagen. Kann nicht weiter schweigen.
„Fett…immer geärgert…dick…wollte Tänzerin werden…von Turnlehrerin gehasst…“, all diese Satzfetzen fallen aus meinem Mund wie ein Haufen Kieselsteine, purzeln durcheinander, und bleiben schließlich in der Luft hängen. Keiner von uns Beiden sagt ein Wort, und es ist vollkommen still, bis ein Schluchzer von mir die Stille durchbricht.
„Ich habe ein Mondgesicht…“, ich schlucke die Tränen hinunter, und schniefe.
„Aber ich liebe den Mond!“

 

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