sandraGLONING
„War is over, if you waaaannnntt tooooo…“, John Lennon gibt die Töne vor, meine Mutter versucht sie nachzusingen. VERSUCHT! Wir sitzen in ihrem winzigen Auto und ich habe keine Chance ihrem Gesang zu entkommen. Mein Blick ist aus dem Fenster auf die verschneite Landschaft gerichtet, durch die ich das erste Mal fahre. „Bitte biegen Sie rechts ab!“, mischt sich nun auch noch unser Navigationssystem ein und ich verdrehe genervt die Augen. „Clara, denkst du wirklich wir müssen rechts abbiegen?!“ Ich werfe ihr einen mitleidigen Blick zu und antworte nicht. Das Päckchen in meiner Hand zittert und ich wische mir immer wieder meine schwitzigen Hände an den Sitzpolstern ab. Als Mama gerade gemeinsam mit `Wham´ „Last Christmas“ anstimmt, bereite ich dem Spuk ein rasches Ende. Eine schnelle Handbewegung und unser Auto-CD-Player ist still. Genau wie Mum. „Warum..?“, ich schenke ihr einen traurigen Blick, der sie sofort zum Schweigen bringt.
„Bist du nervös?“, will sie stattdessen wissen und beobachtet mich aus dem Augenwinkel.
„Nein, ich hab eine Scheiß-Angst!“, erkläre ich, ohne sie anzusehen und blicke weiter aus dem Fenster. „Versteh ich“, murmelt sie und schweigt. Schneeflocken tanzen durch die Luft und ich sehe einem jungen Hund zu, wie er versucht sie aufzufangen. Fahrig streiche ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Sag mal, wie geht’s seinem Bruder denn so?“, will Mama jetzt wissen und ich zucke anteillos die Schultern. „Woher soll ich das wissen?!“ – „Na, du hast doch mit ihm einen Tanzkurs gemacht!“ – „Wir haben nur miteinander getanzt...“, werfe ich ein, und hoffe, dass sie das Zittern in meiner Stimme nicht bemerkt. Das stimmt zwar. Leider. Aber wir waren für den Tanzabschlussball verabredet, weil er anscheinend doch noch entschlossen hat mich nett zu finden. Doch da kam uns das Schicksal dazwischen.
Mama umklammert das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß heraustreten. Immer wieder sieht sie mich von der Seite an, bis ich ihr schließlich meinen Kopf zudrehe. „Was ist?“ – „Nichts…“ – „Ich seh doch dass du was sagen willst!“ – „Will ich gar nicht.“ – „Na komm schon!“ Ohne es zu wollen muss ich über unser kleines Wortgefecht lächeln. Mama grinst mir auch zu, guckt aber im nächsten Moment schon wieder ernst. „Starr ihn bloß nicht an“, sagt sie. Sonst nichts.
Mein Blick gleitet wieder aus dem Fenster. „Und zeig nicht wie betroffen du bist. Keine Tränen vor ihm. Benimm dich ganz normal. Auch vor der Familie.“
W
ir halten vor dem großen weißen Gebäude und ich wickle mir nervös meinen Schal um den Hals. Das Päckchen immer noch in den zittrigen Händen, öffne ich die Tür und steige aus.
„Ich weiß, Mama, er ist mein bester Freund!“, murmle ich. „Viel Glück“, Mama lächelt mir zu, als die Autotür ins Schloss fällt.

 

Mit zaghaften Schritten gehe ich den Weg entlang.
Ist Glück hier wirklich was ich brauche?
Mit klopfendem Herzen sitze ich auf einem dieser Plastikstühle im Vorraum zu den Krankenzimmern und halte meinen Kopf in den Händen. Immer wieder streiche ich mir die Haare aus dem Gesicht, ziehe an meiner Jacke. Das Päckchen ist weg. Es ist bei ihm. Er hat sich gefreut, hat die Schwester gesagt. Und gelächelt.
Die Wand mir gegenüber ist mit goldenen Glitzersternen behängt, auf die ich seit ungefähr einer halben Stunde starre. Durch die Gänge tönt dezente Weihnachtsmusik. Gerade haben sie „The Little Drummer Boy“ gespielt. Bei diesem Stück hat er sein erstes Hornsolo gespielt.
Eigentlich hatte ich vor mich nur kurz zu fangen und dann wieder zum Auto zu gehen. Immer wieder frage ich mich, was ich erwartet habe. Mir war klar, dass er nicht so sein würde wie damals, als ich ihn das letzte Mal gesehen hab. Im Kopf rechne ich nach, wie lange es jetzt schon her ist. Das Datum fällt mir nicht ein. Nicht mal der Tag. Doch den Rest, den weiß ich ganz genau:
Clara, Clara!“, mein Opa war mit rotem Gesicht durch unsere Wohnzimmertür gestürzt und hatte ein Stoßgebet ausgesprochen, als er mich mit einem Buch auf der Coach sitzen sah. Erschrocken von seinem Geschrei war ich hochgefahren, hatte meine Lektüre zur Seite gelegt und ihn angesehen. „Was ist los?“ – „Nichts, alles okay, ich wollte nur sehen ob es dir gut geht.“ – „Wieso?“, hab ich auch noch gefragt und ihm einen Kaffee angeboten. „Es war ein Unfall! Mit einem Moped!“, erklärte er und mir lief es kalt den Rücken hinunter. ER! Seit über einer Stunde warte ich auf meine besten Freund. Wir waren zu einem Film verabredet. Er ging nicht an sein Handy.

„Entschuldigung? Kann ich Ihnen helfen?“, eine Schwester mustert mich mit einem Lächeln, doch ich schüttle den Kopf. Ein Kloß steckt in meinem Hals. Immer wieder schweift mein Blick zu der Krankenzimmertür. Ich schlucke schwer.
Es ist ein Tag vor Weihnachten. Morgen werde ich mit meiner Familie um den Christbaum sitzen, meine Oma wird wie jedes Jahr beinahe ihre Jacke abfackeln, die sie immer direkt neben den Christbaum legt. Meine Cousins werden eine Laola-Welle machen, wenn die Kerzen angezündet werden. Mama wird viel zu viel Kochen und alle Verwandten werden die kommenden drei Tage auch noch Essen kommen. Ich lächle. Ich mag Weihnachten. Ich liebe es die Kugeln an den Baum zu hängen und sicher zu sein, dass meine Schwester mindestens zwei zerstört und mein Hund das Lametta jagt.
Und ich liebe es am Vormittag bei ihm vorbeizufahren, ihm sein Geschenk zu geben und seiner Mutter beim Plätzchenbacken zu helfen.

Ding Dong…“, machte die Hausglocke und ich rieb meine Hände frierend aneinander. „Mach schon auf!“, murmelte ich und drückte das eingewickelte Päckchen ganz nah an mich. Ich warf einen neugierigen Blick durchs Fenster, als plötzlich die Tür aufsprang und er in Strumpfhose und Engelskostüm aus der Tür hüpfte. Was war in ihn gefahren? Ich starrte ihn an, ließ mein Geschenk fallen, ohne dass es mir auffiel und rümpfte die Nase. „Last Christmas…“, trällerte er, und erst jetzt bemerkte ich die glitzernden Flügel die ihm aus dem Rücken zu wachsen schienen. Als sein großer Bruder hinter ihm in einem Elfenkostüm vorbeihuschte, konnte ich mir ein Lachen nicht verkneifen. „Oh mein Gott!“, kreischte ich los. Wie schwul sah dass den aus? Er „flog“ ein paar Runden um mich rum und blieb dann Hände bzw. Flügelschlagend wieder vor mir stehe, dieser Kindskopf. Man sah ihm an wie schwer es ihm fiel ernst zu bleiben, und schließlich stimmte er in mein Gelächter mit ein. „Was sagst du, beste Freundin?“ Ich lachte immer noch, und hob mein Geschenk vom Boden auf. „Hier für dich, mein schwuler Freund!“, grinste ich. „Ich hab mir immer nen schwulen Freund gewünscht!“
Und dann konnten seine Nachbarn beobachten, wie ein vermeintlich schwuler Engel ein junges Mädchen durch den Schnee jagte.

„Ich will es nicht glauben!“, ein Mädchen, nicht älter als ich rennt an mir vorbei, auf eine Krankenhaustür zu. Sie schluchzt. Erst jetzt bemerke ich das Bild von den Kindern beim Krippenspiel an der Wand gegenüber. Ich sehe es an und merke wie mir die Tränen in die Augen steigen. Wir hatten uns beim Krippenspielen angefreundet…

„Nimm deine ecklige Hand da weg!“, zischte ich ihm zu und zog meinen Maria-Schleier zurecht. „Denkst du ich mach das freiwillig?“, keifte er zurück, gerade so leise, dass das Publikum es nicht hören konnte.
„Ach Maria, wir müssen eine Unterkunft finden, für dich und unser Kind!“, erklärte er und ich rammte ihm meinen Ellbogen in die Seite.
„Ja, mein Josef, das müssen wir. Das heilige Kind will in die Welt. Die Engel flüstern es mir!“, flötete ich liebreizend ins Publikum, nahm seine Hand die er um meinen Schulter gelegt hatte und schleuderte sie dort weg.
Mit der Zunge befühlte ich mein erstes Zahnloch und lächelte stolz. „Blöde Kuh!“, flüsterte mein Josef mir zu, was ich mit einem „Doofi!“ konterte. „Selbst Doofi!“, murmelte er und zog mir mein Kopftuch noch weiter in die Stirn. Ich kniff die Augen zu und sah ihn böse an. Trotz meiner "Schwangerschaft" sprang ich blitzschnell einen Schritt zur Seite, was das Publikum mit „Ahhh“ und „Ohhh“ kommentierte. Die stolzen Omas weckten ihre Männer, ein Skandal war im Anmarsch. „Du bist sooo blöd!“, erklärte ich, dieses Mal lauter, so dass es bestimmt die ersten paar Reihen gehört hatten. „Und du erst! Eine richtige dumme Nuss!“ – „Achja, wer schafft es denn nicht mal ein mal eins zu rechnen, he?!!“ – „Das kann jedem passiern, okay!“ – „Ich mag dich nicht!“ – „Ich dich auch nicht!“, und damit ließ Josef seinen Wanderstock fallen und wir marschierten beide wütend von der Bühne. Als ich an der Krippe mit dem Baby vorbeikam gab ich ihr einen leichten Tritt.
„DAS WIRD FOLGEN HABEN!“, keifte unsere Lehrerin hinter uns her und rauschte mit uns von der Bühne.

„Clara? Hallo?“, erschrocken fahre ich aus meinen Gedanken hoch, und sehe in die dunkelbraunen Augen seines Bruders. Schnell wische ich mir die paar Tränen aus den Augenwinkeln und versuche den Kloß in meinem Hals hinunter zu schlucken. „Hallo“, murmle ich und zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen. Nichts anmerken lassen, hat Mama gesagt. „Was machst du denn hier?“, er lässt sich auf den Sitz neben mich fallen und sieht mich erwartungsvoll an. „Ich hab deinen Bruder besucht“, erkläre ich lahm und schaffe es nicht ihm in die Augen zu sehen, als ich das sage. „Er macht tolle Fortschritte. Ich glaube es wird immer besser. Er sieht besser aus als ich dachte!“ – „Ernsthaft?“, ungläubig sieht Tom mich an, kneift die Augen zu als würde er mir nicht glauben. Ich nicke, und schaue die Wand mir gegenüber an. „Also, mir bereitet es jedes Mal wenn ich ihn sehe einen Schreck. Ich kann nicht glauben, dass das mein Bruder ist!“, er schüttelt hilflos den Kopf und ich sehe ihn erstaunt von der Seite an. „Wirklich?“ – „Ja.“ Wieder steigen mir die Tränen in die Augen. Er denkt genau wie ich, er…
Tom beobachtet mich von der Seite und als ich ein paar Mal schniefe, nimmt er mich ohne Vorwarnung in den Arm. „Hey, alles wird wieder gut! Ich weiß warum du so tust… Alle sagen du sollst dir vor seinen Verwandten nichts anmerken lassen.“ Ich nicke und wische mir ein paar Tränen von den Wangen. „Aber das ist komplett idiotisch! Ich weiß dass du ihn sehr gern gehabt hast! “, murmelt er und setzte dann fragend ein "Sehr, sehr gern?", hinzu. Immer wieder streicht er mir beruhigend übers Haar. Zuerst nicke ich, dann schüttle ich den Kopf. „Ich liebe ihn, ja, wie einen Bruder!“, ein zufriedenes Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus und ich rücke unbewusst ein Stück näher an ihn heran. Schon im Tanzkurs hat mich seine starke Brust ganz verrückt gemacht. Mein Herz schlägt schneller und ich habe Angst gleich hier im Krankenhaus bleiben zu können, wenn ich einen Herzinfarkt bekomme. Tom streichelt immer noch mein Haar und ich seufze, was er jedoch ganz falsch interpretiert.
„Mach dir keine Sorgen, er hat sich bestimmt schrecklich gefreut dass du da warst. Du bist wegen egen dem Geschenk hier? Weil ihr normal immer den Weihnachtsmorgen miteinander feiert?“, schniefend nicke ich und er lächelt. „Weißt du, das Wichtigste ist dass er lebt. Und das tut er. Er wird bestimmt gesund, irgendwann. Schließlich müsst ihr ja noch als Engel und Teufel im Fasching gehen, wie er es letztes Weihnachten versprochen hat… Weil er das Kostüm schon hat!“ Ich muss bei dem Gedanken lachen und hebe meinen Kopf ein kleines Stück. Dabei seh ich direkt in seine Augen. Und er in meine, die wahrscheinlich rot und angeschwollen sind. „Tut mir Leid, dass ich den Abschlussball verpasst habe, aber ich konnte nicht...“, flüstert er und ich schüttle den Kopf. Er beugt sich ein wenig zu mir herunter, streicht mit seinen Händen meinen Rücken hinauf und hinunter. Wir sehen uns noch einmal tief in die Augen und er beugt sich langsam zu mir herunter. Gleich werden sich unsere Lippen treffen... Doch im letzten Moment drehe ich reflexartig meinen Kopf weg und er küsst meine Wange. Erstaunt sieht er mich an, doch ich lächle nur. „Lass uns das Ganze langsam angehen, okay?“ Er nickt und genau in dem Moment segelt ein kleiner goldener Stern von der Wand gegenüber auf den Boden.
Es wird alles gut werden...

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