sandraGLONING
Es war einmal…

Wie jedes Märchen sollte wohl auch dieses mit Es war einmal“ beginnen. Doch vielleicht ist das Märchen von dem ich euch jetzt erzählen möchte anders als die, die ihr kennt. Vielleicht fehlen euch die gefährlichen Drachen, die schönen Prinzessinnen und die kühnen Prinzen. Vielleichtvielleicht auch nicht. Vielleicht erkennt ihr aber auch, dass das nicht der Stoff ist, den Märchen wirklich brauchen. Denn das Einzige was Märchen brauchen, sind Träume. Und davon fehlt es hier nicht im Geringsten

„Und in der nächsten Runde ist…“, das kleine Mädchen drückte ihren Teddy fest an sich und kniff die Augen zusammen. „Tim, Tim, Tim, bitte mach dass es Tim ist!“, flüsterte sie leise mit Piepsstimme. Die Moderatorin der Musicalshow auf der Bühne wedelte mit ihrer Karte hin und her, auf der die Auflösung stand. Die Kleine drückte ihren Bären fester an sich, und riss schließlich die Augen auf. Sie hielt das nicht mehr aus, da war sie sicher. Mit zarten sieben Jahren war das eindeutig mehr als sie ertragen konnte.
Dabei kannte Clara Tim nicht mal. Sie wüsste nicht mal dass er existierte, hätte ihr Flötenlehrer ihr nicht erklärt, dass dies sein Neffe sei. Und hätte er ihr nicht sein Foto gezeigt, wäre sie jetzt wahrscheinlich auch kein Fan. Er war gerade mal knappe 20 und sah nicht schlecht aus, das erkannte sogar eine 7-Jährige, für die Jungs die schlimmste Plage der Welt waren. Und er hatte eine wunderbare Stimme. Aber, was das Wichtigstes für die kleine Dame war, war wohl, dass er seinen Traum lebte. Er hatte eine Chance ihn  zu verwirklichen. Natürlich war ihr in diesem Moment noch nicht bewusst, dass das der eigentlich Grund für ihre Zuneigung zu ihm war. Natürlich nicht, sie war schließlich erst sieben. Und doch hatte sie bereits einen Traum. Und es erschien ihr tröstlich dass ein Junge, der vor wenigen Jahren genau wie sie über die Felder vor ihrem Haus gerannt war, mit Heu geworfen hatte, Fußball gespielt hatte und dem wahrscheinlich einige Zähne gefehlt hatten, jetzt so einen Chance hatte.
„…Alexander“, beendete die Moderatorin endlich ihren Satz. Clara starrte den Bildschirm an, fühlte wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und sich die ersten Tränen in ihren Augen sammelten. Tim reagierte auf dem Bildschirm nicht sehr viel anders. Auch ihm kullerten die ersten Tränen aus den Augen, während er von seinen Kollegen umarmt wurde. Die erste salzige Spur bahnte sich den Weg Claras Wange hinunter und sie fing sie mit der Zunge auf. Bei den vielen, die folgten, schaffte sie es nicht jede aufzufangen. Als sie von den ersten Schluchzern geschüttelt wurde, fiel Teddy auf den Boden. Clara merkte es nicht mal.
 

Tim warf einen letzten wehmütigen Blick auf das große Fernsehstudio, bevor er es samt seinem Gepäck verließ. Dies war seine Chance gewesen! Seine große und vielleicht einzige Chance, aus ihrem Dorf am Land raus zu kommen und die große weite Welt zu sehen. Er wollte auf allen Bühnen dieser Welt singen und er wusste, dass er das konnte. Nur leider wusste das außer ihm niemand….

„Hey, Doofi, was machst du denn da?!“, erkundigte sich dieser riesige Junge, den Clara nicht kannte. Sie sah nur einmal kurz von ihrem Block auf, auf den sie mit Kulli eilig schrieb, fast als hätte sie Angst, es könnte etwas verloren gehen, wenn sie es nicht sofort zu Papier brächte. Mit einer bestimmten Geste schob sie sich ihre Brille wieder etwas fester auf die Nase und lächelte bei den nächsten Worten, die sie eilig hinkritzelte so, dass ihre Zahnspange blitzte. „Hey, Kleine, ich hab dich was gefragt!“; erklärte der bullige 15-Jährige erneut und stemmte die Hände in die Seite. Clara wusste mit ihren 13 Jahren genug, um zu wissen, dass man solche Typen am Besten ignorierte. Um sie herum tobten Kinder aller Altersstufen, die der Schulbus sicher nach Hause bringen sollte. Sie fuhr gern Bus, denn hier konnte sie ihrem liebsten Hobby nachgehen. Die Wörter malten in ihrem Kopf, formten sich zu Sätzen, Geschichten, bildeten Bilder, die sie ganz klar vor sich sah. Sie hatte manchmal das Gefühl das war das Einzige, was wirklich klar war. Sie verstand nicht was mit ihrem Körper passierte in letzter Zeit, sie wusste nicht warum sie manchmal das Bedürfnis hatte einfach loszuheulen. Sie war sich ihrer selbst nicht sicher, meistens. Nur wenn sie schrieb, dann wusste sie was sie tat und warum sie es tat.
Als sich der Junge achselzuckend wieder aus ihrem Blickfeld bewegte, merkte sie es nicht mal.

„Plie, Grandplie, und erste Position…“, die Mädchen vor ihm drehten sich in ihren hautengen Kostümen vor ihm elegant um die eigene Achse, während er versuchte irgendwie seinen Füße zu ordnen. An diese engen Strumpfhosen würde er sich wohl auch nie gewöhnen. Der 25-Jährige Student bereute nicht zum ersten Mal, dass er nicht einfach heimgekehrt und eine Schlosserlehre begonnen hatte. „Nein“, sagte er sich. „Das ist mein Traum. Das ist das einzige was ich wirklich kann. Das einzige was ich will und bei dem ich mir sicher bin!“ Und so kam es dazu, dass Tim nicht nur an diesem einen Abend, der Letzte im Tanzstudio war…

„Mama, bringst du die zur Post?“, Clara drückte ihrer Mutter einige Umschläge in die Hand, die diese seufzend entgegennahm. „Noch mehr Manuskriptanfragen?“, wollte sie wissen und strich ihr liebevoll über die sorgfältig geglättete Haarpracht. Clara gab ihrer Hand einen leichten Klaps, sie war gerade auf dem Weg auf eine Party. Schließlich hatte sie eine halbe Stunde an ihren Haaren gearbeitet. Vor dem Haus ertönte ein leises Hupen, und das Mädchen, das bereits auf dem Weg war, eine junge Frau zu werden, schnappte sich ihre Tasche. „Halb eins bist du zu Hause!“, gab ihre Mutter ihr noch mit auf den Weg, als ihre 15-Jährige Tochter ihr noch mal grinsend zuwinkte, und dann die Tür hinter sich zuzog.

„Das offene Vorsingen?“, erkundigte sich Tim bereits zum wiederholten Mal bei der blonden Empfangsdame, die ihn bisher aber jedes Mal nur einen verführerischen Blick zugeworfen hatte. „Wofür willst du dich denn bewerben?“, erkundigte sie sich schließlich mit etwas verwirrtem Blick, woraufhin Tim nur auf das riesige Plakat deutete, das neben ihrem Tresen hing. „Tanz der Vampire, ich will den Alfred“, erklärte er und sprach extra langsam und deutlich. Er war diesen Reaktionen auf seine Erscheinung schon so was von überdrüssig. Ja, er sah gut aus, das wusste er selbst. Aber er war mehr als das, er bestand schließlich nicht nur aus einer äußeren Hülle. Die hübsche Empfangsdame erkannte das allerdings nicht, baute sich hinter ihrem Tresen verführerisch auf, strich sich die Haare hinter die Ohren und hauchte dann: „Ich glaub, ich kann dir etwas behilflich sein, damit du die Rolle bekommst. Allerdings müsste ich dafür zuerst mal selbst deine Alfred-Qualitäten testen…“ Eine ihrer Hände verschwand in ihrem Dekollete. Tim zog einen Augenbraue in die Höhe, und drehte sich kopfschüttelnd um. „Ich finde den Weg schon, danke!“, rief er ihr über seinen Schulter hinweg noch mal zu.
 
Ein letztes Mal winkte sie Phillip und ihren Eltern noch zu, bevor sie das große Passagierflugzeug betrat. Eine Stewardess lächelte ihr freundlich zu und begrüßte sie auf Englisch. Englisch. Das würde die einzige Sprache sein, die sie den nächsten Monat sprechen würde. Bereits jetzt vermisste sie Phillip so sehr, dass es wehtat. Ihr war klar was dieses Auslandspraktikum für eine große Chance war, und sie hatte sich auch selbst dazu entschieden. Aber damals hatte sie eben noch nicht Phillip an ihrer Seite gehabt. Ein paar Tränen liefen ihre Wange hinunter und sie schniefte, als sie ihr Handgepäck in dem Fach über ihrem Sitz verstaute. Schluchzend ließ sie sich auf den Sitz sinken und schloss den Sicherheitsgurt. Ein Kribbeln in ihrer Magengegend zeigte ihr, dass ihre große Reise bald losgehen würde. Ihre sorgfältig geschminkten Augen waren schon ganz zerronnen, und sie legte das Gesicht in beide Hände. Clara hatte Angst. Mehr als sie erwartet hatte. Sie hatte Angst dass sie was falsch machen würde, und die Sprache doch nicht so gut beherrschte wie sie eigentlich dachte. Sie hatte Angst davor allein zu sein. Aber die größte Angst hatte sie davor, Phillip zu verlieren. Er war ihr in keinem Maß ähnlich, er war ein richtiger Draufgänger, umschwärmt von allen Seiten. Also ganz anders als sie. Sie vertraute ihm, vollkommen, aber sie vertraute den Mädchen in ihrem Alter nicht. Bis heute war es Clara ein Rätsel, wie sie den zwei Jahre älteren Junge dazu gebracht hatte, sich in sie zu verlieben. Und bis heute war es Clara ein Rätsel, wie er sie sogar am Abend noch schön finden konnte, wenn sie ihre Kontaktlinsen gegen die Brille getauscht hatte, ihre Nachtzahnspange trug und in ihrem verschlissenen Schlafshirt im Bett ungeschminkt auf ihn wartete…
„Erster Urlaub allein?“, erkundigte sich jemand bei ihr, als sie spürte, wie das Flugzeug langsam anrollte. Erstaunt sah sie auf, wischte sich die letzten Tränen aus den Augen und nickte schüchtern. Sie schämte sich ein wenig und sah nicht zu ihrem Sitznachbar auf. „Bleibst du in London oder geht deine Reise noch weiter?“, wollte er jetzt wissen. Er wollte sich eindeutig unterhalten. Clara schüttelte still den Kopf und räusperte sich. Sie versuchte den Frosch aus ihrem Hals zu bekommen, bevor sie leise „Jersey“ murmelte. „Praktikum?“, erkundigte sich ihr Sitznachbar, der der Stimme nach zu urteilen sehr jung war. Wieder nickte sie, dann hörte sie plötzlich ein leises Lachen. „Ach, wenn ich an meine erste Reise denke… Eigentlich war es gar keine richtige Reise, aber ich war komplett überfordert und fertig mit den Nerven.“ Erstaunt hob Clara die Augen ein kleines Stück und betrachtete zumindest schon die Hose ihres Nachbars und nicht mehr nur seine Schuhe. Sie lächelte, wischte sich das letzte Mal über die Augen, bevor sie mit sicherer Stimme antwortete: „Ja, ich hab auch Angst. Dabei war das Ganze doch meine Entscheidung.“ Aus dem Augenwinkel sah sie ihren Sitznachbar nicken. Er hatte wirklich eine sehr angenehme Stimme. „Und ich wette außerdem wartet dein Freund zu Hause auf dich… Als ich damals mein erstes Vorsingen in Wien hatte, war es bei mir genauso!“, er legte lächelnd den Kopf schief und betrachtete sie. Sie war ungefähr 17 Jahre alt… Ihr Dialekt erinnerte ihn an zu Hause. Lange war es her, dass er das letzte Mal dort war. Jetzt hob Clara auch sachte den Kopf und sah ihn erstaunt an. Für sie war es, als sähe sie in ein sehr vertrautes Gesicht. Schließlich lächelte sie, was er strahlend erwiderte. Ihm gefiel dieses Mädchen. Es erinnerte ihn ein wenig an ihn selbst. „Danke, Tim…“, murmelte sie, während er sich wunderte, woher sie seinen Namen kannte.

Alfred, Ihr Chatprogramm wurde geöffnet:
Cinderella:
Hallo, Tim,  wie geht’s dir?
Alfred:
Hallo, Prinzessin, ganz gut dir? Die Proben für das neue Musical sind zwar anstrengend aber schön…
Cinderella:
Mir geht’s auch ganz gut. Inzwischen hab ich das mit Phillip verdaut^^ Seine Neue ist hässlich!
Alfred:
Die Neuen sind immer hässlich, Kleine.
Cinderella:
Fertig für unser Spiel? =)
Alfred:
Klar… 
 
Tim lächelte seinen Computer an und setzte sich automatisch etwas aufrechter hin. Nie wäre er letztes Jahr darauf gekommen, dass sich so eine enge Freundschaft zwischen ihm und dem Mädchen entwickeln konnte, dass er ihm Flug nach London kennen lernte. Gut, Mädchen war vielleicht der falsch Ausdruck - schließlich war sie 18 und somit volljährig, was vielleicht der Hauptgrund war, warum ihre Freundschaft bei seiner festen Freundin auf soviel Missfallen fiel. Und trotzdem würde er sie nicht in seinem Leben missen wollen. Die 13 Jahre Altersunterschied fielen ihm gar nicht auf, wenn er am Abend hier am Computer saß, den ganzen Tag geprobt hatte und sie ihr Spiel spielten.

Cinderella:
Okay, ich bin dran: Die größte Angst, die du als kleiner Junge hattest?
Alfred:
Du machst es mir echt leicht, Clara. Du kannst nur gewinnen, wenn du schwierige Fragen stellst, bei denen ich passe. Nur dann gewinnst du…J
Cinderella:
Ich hab mir die Regeln ausgedacht, ich kenn sie^^
Alfred:
Hmm, lass mich nachdenken. Die größte Angst als kleiner Junge? Das war dann wohl die, dass meine Schwester irgendwann entdeckt, dass ihr damaliger Freund sie meinetwegen verlassen hat…
Cinderella:
Oh Gott, was hast du gemacht?
Alfred:
Zu meiner Verteidigung, ich wollte sie nur beschützen… Und deshalb ist wohl die ganze Milch die ich an dem Tag gemolken hatte auf seinem Hemd gelandet^^
 

Zitternd betrachtete Clara das Stück Papier in ihrer Hand, bis sich ein Schrei aus ihrer Kehle stahl. „AHHHHH“, kreischte sie, und dann gleich noch mal: „Ahhhhh!“ Ihre Mutter kam aus der Küche gelaufen, die Kochschürze noch um die Hüfte gebunden. Das Mädchen unterdrückte den nächsten Schrei und fiel ihrer Mutter um den Hals. Als diese sie verwundert anblickte, stahl sich ein erneuter Freudenschrei aus ihrem Hals. „Was ist denn los?“, wollte sie nun doch wissen. Clara grinste sie an und sang mehr als sie es sagte: „Gewonnen! Ich hab gewonnen!“ – „Wo? Was?“, erstaunte Falten bildeten sich auf der Stirn ihrer Mutter. „Der Schreibwettbewerb bei dem ich mitgemacht habe! Ich hab  nen Schreibworkshop in Wien gewonnen! In den Ferien!“ Ein riesiges Grinsen bildete sich auf ihrem Gesicht, das so schnell auch nicht mehr verschwinden sollte. Wenn Tim das hört, dachte sie…

„Auf dich, Prinzessin!“, Tim gegenüber saß Clara auf seinem Sofa und die Beiden prosteten sich mit einem Glas Wein grinsend zu. Für Tim war es das Selbstverständlichste der Welt gewesen, dass sie während der Zeit ihres Schreibworkshops bei ihm wohnen würde. Er hätte damals auch etwas Hilfe brauchen können, zur Verwirklichung seines Traumes. Leider hatte seine Freundin das nicht so locker gesehen und war ohne ein weiteres Wort abgehauen. „Wenn sie wegen einem Mädchen eifersüchtig ist, das 13 Jahre jünger ist, dann war sie ohnehin nicht die Richtige!“, erklärte Clara, die seinen abwesenden Blick richtig gedeutet hatte. Er schenkte ihr ein halbherziges Lächeln und seufzte. „Jaja, erinnere mich nur daran wie alt ich bin! Dankeschön..!“ Die junge Frau lachte ein herzliches Lachen, das auch ihm wieder ein kleines Grinsen ins Gesicht zauberte. „Was bedeutet schon das Alter? Alle dachten immer ich wäre unreif, nur weil ich mich nicht stundenlang für Make-up begeistern konnte und nichts von ihren Zickenspielchen hielt.“ – „Dabei bist du allen deines Alters Lichtjahre voraus!“, erklärte der junge Musicaldarsteller und strich sich mit einer Hand den blonden Schopf aus dem Gesicht, der einfach nicht bleiben wollte wo er war. „Was willst du…?“ – „Studieren!“, unterbrach sie ihn und hatte seinen Frage erraten bevor er sie überhaupt gestellt hatte. Wie so oft. Tim blickte in das familiäre Gesicht der jungen Frau, hörte ihren unverkennbaren Akzent und fühlte sich zu Hause. Ihm war nie bewusst gewesen, dass er etwas für seine Karriere aufgegeben hatte und vor allem nicht, dass er es vermisste.
Aber diese junge Frau weckte ganz neue Gefühle in ihm… „Und..?“ – „Wien!“, antwortete sie wieder voreilig und grinste ihn neckisch an.

Es dauerte nicht lange, bis Tim sich entschloss, dass Clara während des Studiums bei ihm einziehen sollte. Allerdings dauerte es sehr lange, bis sie wieder auszog, um genauer zu sein, zog sie nie mehr weg von ihm! Irgendwann, viele Jahre später, wechselten die beiden wieder zurück in ihre alte Heimat, in ihr Königreich, Tims Heimweh war größer geworden, worüber Clara in vielen ihrer Bücher berichtete
Und das war erst der Anfang ihrer Geschichte, denn wenn sie nicht gestorben sind, dann träumen sie noch heute!

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